Authentizität

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Aber Kunstformen dieser Art, die oft in Form von Souvenirs für TouristInnen oder auch für den lokalen Gebrauch produziert, wurden üblicherweise von den EthnologInnen als verfälschte Ausdrucksformen von Kulturen im Niedergang verhöhnt.“

 

Noch ein weiterer Aspekt weist ein signifikantes Paradoxon auf. Einerseits halten die AnthropologInnen eine beinahe fundamentalistische Fixierung auf die traditionelle Reinheit aufrecht, während andererseits zwei Dinge passiert sind. Moderne Künstler- die Liste ist beinahe endlos - und der Modernismus im Allgemeinen wurden stark von afrikanischen und ozeanischen Objekten (z. B. Gauguin, Picasso, Matisse, Nolde, Klee) und von Artefakten der First Nation People (z. B. Jackson Pollock, Henry Moore) beeinflusst. Während aber eine Maske oder eine Figur ihre Signifikanz in der kulturellen Produktion dadurch erhält - wer sie beispielsweise wann und wo benutzt, oder wo sie aufbewahrt wird - verschwinden alle diese Kriterien, wenn sie gesammelt wird - sogar in den Fällen in denen der Versuch unternommen wird, sie in einem kulturellen Kontext zu positionieren. Es ist als würde jemand eine Sammlung von Springern diverser Schachspiele nach ästhetischen Kriterien aufbauen und sie ohne das dazugehörige Brett, die übrigen Figuren oder die Spielregeln, ausstellen. Diese Akte der Aneignung, die aus dem relevanten Kontext herausgelöst werden, diese Ausbeutung nicht-westlicher Objekte durch KünstlerInnen zur Inspiration und als künstlerische Strategie, um bestimmte formale Probleme zu lösen, sind eine Einbahnstraße. Diese KünstlerIn werden als innovativ angesehen, der Akt der Aneignung wird positiv besetzt, ihre Produktion wird als hoch entwickelt angesehen, als Ästhetizismus der Avantgarde. Umgekehrt trifft es allerdings nicht zu, dass die afrikanische KünstlerIn, die von EuropäerInnen beeinflusst wird, - von uns - oft als jemand gesehen wird, der nicht mehr authentisch, keine traditionelle „Einheimische“ ist und durch intellektuelle Verunreinigung „verdorben“ wurde. Und nicht nur wir denken so. Léopold Senghors Konzept der Negritude, der Appell, dass ‚afrikanische Künstler aus ihrer inneren afrikanischen Natur schöpfen sollen‘, scheint eine starke Tendenz in dieselbe Richtung aufzuweisen.

 

Die andere Position würde anerkennen, dass KünstlerInnen die Freiheit haben müssen, von was auch immer sie wollen, beeinflusst zu werden. Vogel fasst es zusammen: „Diese beiden Argumente, die letztendlich sowohl von Europäern wie auch von Afrikanern vorgebracht wurden, beeinflussten KünstlerInnen an verschiedenen Orten in unterschiedlichem Ausmaß, so dass wir keine synchronen, den gesamten Kontinent betreffende Kunstbewegungen vorfinden, sondern eher zwei gegensätzliche ideologische Pole zu denen KünstlerInnen sich hinbewegen.“ Die Argumente weisen oberflächliche Ähnlichkeiten auf, doch sie entstammen unterschiedlichen Geschichtsschreibungen und verfolgen unterschiedliche Absichten. Das eine Argument repräsentiert die Auflage eines zwingenden Ermahnung, die der Andere als (Teil) seiner Identität akzeptieren muss; das andere ermöglicht die Verbindung einer entwerteten, substanziell negierten, prä-kolonialen Geschichte und einer Geschichte der Kolonialzeit, in der die ‚UreinwohnerIn‘ nicht als das Subjekt sondern als Untergebene erscheint. Was offen bleibt ist die Frage nach den relativen Positionen der Macht und der Funktion, die solche Argumente in einem sozio-historischen Kontext haben.

 

Der fließende Übergang vom Konzept der Authentizität, wie es auf Objekte und Menschen angewandt wird, lässt sich aus dem, was ich geschrieben habe, ersehen. Es ist ein Charakteristikum, das ein Objekt von Beginn an oder später (durch die Arbeitsmethode, den Urheber, die Zeit usw.) erlangen kann und es ist ein Charakteristikum, das Menschen, nicht aber Objekte, verlieren können. Anders gesagt, Menschen kann ihre Authentizität durch diejenigen abgesprochen werden, die sie definieren. Aber wenn sie eine so variable Eigenschaft ist, dann können sie sich ihr auch entziehen, ihr entkommen, sie abschütteln oder hinter sich lassen. Das tun nicht-westliche KünstlerInnen, wenn sie an einem laufenden künstlerischen Diskurs teilnehmen wollen. Das heißt oft eine Transformation, eine Entwicklung in persönlicher wie auch künstlerischer Hinsicht; die Aneignung eines (persönlichen) diskursiven Vokabulars, das viel von dem, was wir als typisch „ethnisch“ wahrnehmen würden, hinter sich lässt oder es nur als eines aus einer Reihe von Referenzen, Einflüssen oder Untersuchungsfeldern wahrnimmt.